Willkommen in der Ära der Flexi-Haare, Tanz-HUDs und Schloss-Hochzeiten mit LAG: Die WDR-Dokumentation „Mein wunderbares Ich – Der andere Alltag in Second Life“ (2007) ist ein filmisches Zeitportal in die goldene Epoche der Avatarromantik. Regisseurin Susanne Jäger und Co-Autor Joachim Stein nehmen uns mit auf eine Reise zwischen digitaler Trauminsel und realer Mietwohnung – und zeigen, wie viel Sehnsucht, Kreativität und Kaffee hinter dem Bildschirm steckt.

Neuschwanstein: Jetzt auch buchbar für Avatare

Im Mittelpunkt steht Pleja Plessis, SL-Bewohnerin mit Stil, Insel und einem muskulösen Ehemann, den sie nie im RL getroffen hat. Die Hochzeit? Ein Event! Schloss Neuschwanstein, digital rekonstruiert, romantisch wie ein Disneyfilm mit Serverauslastung. Pleja sagt „Ja“ – nicht mit Stimme, sondern mit Tastatur. Ihre Hände zittern, die Kamera zoomt, und irgendwo in Köln denkt sich ein Cutter: Das wird ein starker Moment.

Sabine trifft Sabine – Avatar trifft Realität

Pleja heißt im echten Leben Sabine. Und Sabine hat keine Lust mehr auf graue Realität. Stattdessen lebt sie auf Harmonie, einer SL-Insel mit mehr Romantik als RTL2 zur Primetime. Die Doku zeigt, wie sie zwischen RL-Küche und SL-Kamin pendelt – und dabei mehr Nähe empfindet als beim letzten Betriebsausflug. Es ist ein Porträt der Sehnsucht: nach Liebe, nach Gestaltungsmacht, nach einem Ort, an dem man einfach sein kann – ob als Elfe, Vampir oder romantische Inselbewohnerin mit Hang zur Schlosskulisse.

Hinter dem Avatar – Vor der Kamera

„Mein wunderbares Ich“ ist nicht nur eine Doku über Second Life – es ist ein historisches Dokument, das heute wirkt wie ein liebevoll gealtertes VHS-Tape aus der Zukunft. Regisseurin Susanne Jäger und Co-Autor Joachim Stein liefern keine plumpe SL-Abrechnung, sondern ein sensibles Porträt der Menschen hinter den Avataren. Zwischen Blender-Kulissen und Voice-Chat-Intimität entstand ein Film, der zeigt: Das zweite Leben ist manchmal das ehrlichere. Die Kamera begleitet nicht nur Avatare, sondern auch die Menschen, die sie erschaffen – mit all ihren Routinen, Träumen und dem Wunsch, irgendwo da draußen ein bisschen mehr Ich zu sein.

Technik trifft Gefühl – Credits für die Crew

  • Kamera: Jonathan Greenfield, der vermutlich gelernt hat, wie man in SL Objekte fokussiert, ohne durch sie hindurchzufallen.
  • Ton: Henning Schiller, der das leise Klicken beim Jawort einfing.
  • Schnitt: Sabine Stadermann & Babette Rosenbaum, die aus 20 Stunden Tanz-HUD-Material 45 Minuten Doku zauberten.
  • Sounddesign: Angela Traud & Thilo Speckmann, verantwortlich für das atmosphärische Meeresrauschen auf Harmonie.
  • Mischung: Karl-Ludwig Toel & Marc Trautmann, die das emotionale Zittern in Dolby Digital übersetzten.

Fazit: Ein Film wie ein Teleport – überraschend, berührend, ein bisschen schräg

Diese Doku ist kein Werbefilm für SL, sondern ein liebevoller Blick auf die Sehnsucht nach Nähe, Identität und einem Ort, an dem man einfach sein kann. Sie zeigt, was vor und hinter der Kamera passiert – und erinnert uns daran, dass das „wunderbare Ich“ manchmal dort lebt, wo wir es am wenigsten erwarten: zwischen Mausklick und Herzklopfen.

Mein wunderbares Ich / My Marvelous Self – joaoflux